Die Heimatlosen – Stefan Żeromski

Der junge Arzt Tomasz Judym, der sich in Paris weiterbildet, entschließt sich, die GalerieIMG_0617 des Louvre zu besuchen. Dort lernt er vier polnische Frauen kennen: Frau Niewadzka, ihre Enkelinnen Natalia und Wanda sowie die Gouvernante Joanna Podborska. Zurück in Warschau besucht Judym seinen Bruder Wiktor und dessen Familie. Sie leisten schwere Fabrikarbeit, sie sind arm, sind krank. Judym beobachtet das Elend der Arbeiter und vergleicht es mit dem Lebensstil der Aristokratie. Großstädte wie Paris und Warschau sind in seinen Augen Sammelbecken gewaltiger Dissonanzen und sozialer Ungleichheiten. Er selbst stammt aus einer sehr armen Familie, hatte aber Zugang zu Bildung, was sein ganzes Leben beeinflusste. Wiktor Judym und seine Frau hatten dieses Glück nicht.

Tomasz Judym, der in die medizinische Gemeinschaft von Warschau eintreten möchte, hält einen Vortrag bei der Ärzteversammlung. Er beschreibt darin die schrecklichen Lebensbedingungen der Arbeiter und den Auftrag, den die Ärzte seiner Meinung nach erfüllen müssten. Judym findet, sie sollten den Mangel an Hygiene bei den Ärmsten bekämpfen, und nicht nur die Symptome wiederkehrender Krankheiten behandeln, sondern ihre Ursachen. Der Arzt denkt, dass sich die Ärzte nur um die Gesundheit der Wohlhabenden kümmern. Die Anwesenden lehnen diese Ansicht kategorisch ab, in seine neu eröffnete Praxis kommen keine Patienten. Mit einem Gefühl der Niederlage nimmt Tomasz Judym eine Arbeitsstelle im kleinen, provinziellen Kurort Cisy an.

Anfangs erfüllt die Arbeit den Arzt. Er kümmert sich um die reichen Kurgäste, hat aber gleichzeitig die Möglichkeit, ein kleines Krankenhaus für die Armen zu betreiben. Nach einiger Zeit erfährt er, dass die ansässige Landbevölkerung schwer krank ist. Die Ursache sind Teiche, die Vergiftungen und Malaria hervorrufen, da in ihnen das stehende Wasser verfault. Judym bemüht sich, die Teiche trockenzulegen, was allerdings nicht im Interesse der Grundverwalter liegt. Sie interessieren sich nicht für die Kranken im Kurort, für sie zählt nur Geld.

Wiktor Judym, der Bruder des Arztes, geht in die Schweiz, um Geld für sich und seine Familie zu verdienen. Die Lebensbedingungen sind dort besser, weshalb er beschließt, seine Frau und seine Kinder zu sich zu holen. Die Reise und die Auswanderung sind für die einfache und arme Frau ein außergewöhnlich traumatisches Erlebnis. Als die Familie schließlich vollzählig ist, verkündet Wiktor Judym, dass er nach Amerika auswandern will.

Tomasz Judym trifft in Cisy Joanna Podborska – die Gouvernante, deren Bekanntschaft er in Paris gemacht hat. Joanna ist eine gebildete, emanzipierte Frau. Durch ihr Tagebuch erhält der Leser Einblicke in ihre Lebensgeschichte und ihre Ansichten. Tomasz verliebt sich in Joanna und möchte sie heiraten, sie erwidert die Gefühle.

Einer der Verwalter, Krzywosąd, leitet Schlamm aus dem Teich in den Fluss, aus dem die armen Einwohner Trinkwasser beziehen. Judym streitet sich mit Krzywosąd und wirft ihn in den Teich. Nach diesem Vorfall beendet der Kurdirektor die Zusammenarbeit mit Judym.

Auf Zureden seines Freundes Korzecki reist Tomasz Judym nach Zagłębie und erfährt dort von den extrem schlechten Lebensbedingungen der Bergleute. Er ist erschüttert. Er erhält einen Job als Fabrikarzt und hilft den Armen. Eines Tages erhält er die Nachricht, dass Korzecki Suizid begangen hat. So wie Judym reagierte er bekümmert auf Armut und Ungerechtigkeit, fühlte sich aber völlig hilflos, was zu Depressionen und der Entscheidung zum Suizid führte.

Joanna trifft bei Tomasz ein. Sie vermisst ihren Verlobten, will ihm helfen und plant das gemeinsame Leben. Tomasz Judym beschließt, sich von ihr zu trennen, denn mit einer Familie wäre er nicht in der Lage, seinen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, sondern müsste sich um seine Frau und seine Kinder kümmern. Er will sein eigenes Glück opfern und sich der Arbeit als Arzt widmen. Joanna wünscht ihm alles Gute und geht fort.

Wissenswertes:

  • Das Buch „Die Heimatlosen“ wird ab dem Schuljahr 2019/2020 vollständig vom Lehrplan gestrichen (Bildungsministerin Anna Zalewska hat am 30.01.2018 die Verordnung über das neue Lehrgesetz unterzeichnet);
  • Der Roman spielt unter anderem im Kurort Cisy. Tatsächlich beschreibt Żeromski die kleine Ortschaft Nałęczów (Woiwodschaft Lublin), die noch heute ein bekannter Kurort ist. Żeromski hat in Nałęczów als Hauslehrer gearbeitet. In dem Haus, in dem er lebte, befindet sich heute ein Museum, das ihm und seinem Werk gewidmet ist;
  • Der Roman entstand zwischen 1898 und 1899, als Polen geteilt war (durch Österreich, Russland und Preußen), der Autor beschreibt die Zeit, in der er gelebt hat. Die Protagonisten reisen durch Polen, dabei handelte es sich aber um verschiedene Herrschaftsgebiete, da Polen offiziell nicht auf der Karte zu finden war. Warschau stand unter preußischer Herrschaft, der Kurort Nałęczów (im Roman Cisy genannt) unter russischer Herrschaft;
  • Auf der Grundlage des Buches entstand in Polen der Film „Doktor Judym“ (1975, Regie: Włodzimierz Haupe). Die Hauptfigur verkörperte ein herausragender polnischer Schauspieler, der langjährige Direktor des Nationaltheaters in Warschau – Jan Englert;
  • Friedrich Kolmar übersetzte „Ludzie bezdomni“ 1954 als „Die Heimatlosen“ ins Deutsche

Autorin: Natalia Staszczak-Prüfer

Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche: Lisa Schröer