Bruno Schulz „Die Zimtläden“

Bruno Schulz „Die Zimtläden“ – Zusammenfassung des Werks

„Die Zimtläden“ ist eine Sammlung von Geschichten über das Leben einer jüdischen Handelsfamilie in einer Kleinstadt in Galizien. Der Inhalt steckt voller Mystik, Symbolik und umfasst zudem Überlegungen zur Konzeption von Mensch und Künstler (Teil „Traktat über die Schneiderpuppen“). Der Protagonist ist ein kleiner Junge, der Sohn der Kaufleute. Sein Vater ist ein älterer, kränklicher Mann, dessen Krankheit, Schwäche und demiurgische Züge der Sohn mit ungeheurer Begeisterung beobachtet und beschreibt. Weitere Bewohnerinnen des Hauses sind die Mutter und das Hausmädchen Adela. Der Protagonist erinnert sich an einen Sommer in der Stadt, in dem er nicht zur Schule gehen musste und in dem sein Vater sich in einem Sanatorium aufhielt („August“). Er beschreibt ganz genau das Haus, in dem er lebt. Der Vater des Jungen interessiert sich für Vögel („Die Vögel“) und errichtet auf dem Dachboden ein Vogelhaus, in dem er ganze Tage verbringt, während derer er sich für nichts anderes interessiert. Eines Tages vertreibt Adela ohne die Zustimmung des Vaters die Vogelzucht, woraufhin dieser immer mehr zum Sonderling und Eigenbrötler wird. Zwei junge Näherinnen kommen regelmäßig ins Haus – Polda und Paulina, die abends nähen und sich unterhalten. Der Vater beginnt, sie zu beobachten, fasziniert von ihrer Jugend, Anmut und unschuldigen Erotik. Er hält einen Monolog über den Prozess der Enthumanisierung des Menschen, in dem er menschliche Geschöpfe mit Schaufensterpuppen vergleicht – der Form und Freiheit beraubt. Eine weitere Erinnerung des Protagonisten betrifft einen kleinen Welpen – Nimrod. Der Junge beobachtet das Verhalten des Tieres, seine Entwicklung und die Ausformung des neuen Wesens. In anderen Erinnerungen taucht unter anderem Onkel Karol auf, der in den Ferien allein zu Hause bleibt und sie mit alkoholischen Exzessen verbringt. Der Erzähler beschreibt detailliert die Kleinstadt, in der er lebt. Die Bitte des Vaters, ihm von zu Hause seine Brieftasche zu holen, gibt dem Jungen Gelegenheit, weitere Straßen und Winkel zu erkunden. Bei seinem abendlichen Streifzug durch die Stadt vergisst der Junge die ganze Welt und besucht die Straße mit den „Zimtläden“, also den Wohn- und Geschäftshäusern der dort lebenden Kaufleute. Anschließend fährt er mit einer Droschke durch die Stadt. Eines Tages, während eines schweren Sturms, verschwindet der Vater aus dem Haus, die Suche nach ihm verläuft erfolglos. In der letzten Erzählung „Die Nacht der Großen Saison“ wird der Vater Zeuge der Rückkehr der Vögel – der Nachkommen der von ihm gezüchteten Tiere. Diese sind jedoch blind und deformiert. Anwesende Kinder werfen mit Steinen nach ihnen und töten sie. Der Vater beobachtet alles, kehrt in den Laden zurück, und Adela brüht am Morgen Kaffee auf.

Wissenswertes:

  • Ab dem Schuljahr 2019/2020 wird das Werk nicht auf der Hauptlektüreliste, sondern als erweiterte Lektüre aufgeführt (nicht von allen Schülern behandelt) – (Bildungsministerin Anna Zalewska hat am 30.01.2018 die Verordnung über das neue Lehrgesetz unterzeichnet);
  • Im Ort Drohobycz (in der heutigen Ukraine), aus dem Bruno Schulz kommt, findet alle zwei Jahre das Internationale Bruno-Schulz-Festival statt. Künstler und Intellektuelle kommen in die Stadt und lassen sich vom Werk des Autors der „Zimtläden“ inspirieren;
  • Bruno Schulz‘ Werk weist eine Nähe zur expressionistischen Moderne auf, die in der Weltliteratur durch Schriftsteller wie Robert Musil, Franz Kafka und Rainer Maria Rilke vertreten wird;
  • „Die Zimtläden“ wurde erstmals 1933 in Polen veröffentlicht;
  • Bruno Schulz stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. 1941 wurde er im Ghetto eingesperrt. Der Gestapomann Felix Landau beschützte ihn zunächst und nutzte das künstlerische Talent von Schulz aus, dann halfen Freunde des Künstlers, falsche Dokumente zu beschaffen. Einen Tag vor dem geplanten Verlassen des Ghettos wurde Schulz von der Gestapo auf der Straße erschossen;
  • Bruno Schulz war außergewöhnlich künstlerisch begabt und ein Autodidakt. Seine Arbeiten mit Bleistift, Feder oder Kreide waren voller Karikaturen, Grotesken. Eine wichtige Rolle in seinem Werk nehmen Selbstportraits ein;
  • Bruno Schulz fertigte die Illustrationen zur Erstausgabe von „Ferdydurke“ von Witold Gombrowicz an;
  • In den „Zimtläden“ finden sich viele autobiographische Motive, z.B. die an Jakub Schulz angelehnte Vaterfigur oder das Geschäft der Eltern.

Autor: Natalia Staszczak-Prüfer

Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche: Lisa Schröer

 

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